Photo: James Boyes from UK via Wikimedia Commons (CC BY 2.0)
De Zerbi: Mentalität lässt sich nicht kaufen
Roberto De Zerbi hat einen Satz gesagt, den viele Trainer denken, aber selten so direkt aussprechen: Mentalität lässt sich nicht kaufen. Das klingt nach Fußballphilosophie, ist aber ein präzises Argument über die Grenzen des Transfermarkts. Und wer De Zerbis Karriere kennt, weiß, dass er das nicht als Ausrede meint.
Was De Zerbi damit meint
Der Transfermarkt kann fast alles lösen. Tempo, Technik, Torgefahr, Spielaufbau: Für jedes taktische Problem gibt es irgendwo einen Spieler, der es behebt, und irgendeine Ablöse, zu der er den Klub wechselt. Was der Markt nicht verkauft, ist die Bereitschaft, in der 88. Minute noch einmal zu sprinten, wenn man 2:0 führt. Oder die Fähigkeit, eine 0:2-Niederlage zu verdauen, ohne dass die Kabine auseinanderfällt.
Genau das meint De Zerbi. Mentalität ist kein Attribut, das im Scoutingbericht steht. Sie entsteht im Training, in der Kabine, in der Art, wie ein Trainer mit Niederlagen umgeht, und in der Frage, welche Spieler eine Führungsrolle übernehmen, wenn es eng wird.
Warum das bei Tottenham besonders relevant ist
De Zerbi hat die Spurs in einer Phase übernommen, in der der Klub gerade dem Abstieg entkommen war. Tottenham hat seitdem erheblich investiert und den Kader in mehreren Bereichen verstärkt. Das ist kein kleines Budget, das ist ein echter Umbau.
Aber genau hier liegt das Problem, das De Zerbi benennt. Große Transfers lösen taktische Fragen. Sie lösen keine kulturellen. Ein Kader, der in der vergangenen Saison mit dem Abstieg gekämpft hat, trägt diese Erfahrung mit sich. Neue Spieler kommen mit anderen Gewohnheiten, anderen Erwartungen, anderen Vorstellungen davon, was Normalität ist. Das zusammenzufügen, dauert. Und es lässt sich nicht abkürzen, egal wie viel Geld man ausgibt.
Das Brighton-Modell als Gegenbeispiel
De Zerbi hat das selbst erlebt, in die andere Richtung. Bei Brighton hat er einen Kader übernommen, der unter Graham Potter bereits eine klare Identität entwickelt hatte: pressingintensiv, mutig im Aufbauspiel, bereit, gegen größere Klubs zu gewinnen. Diese Mentalität war nicht gekauft worden. Sie war über Jahre gewachsen, durch eine Trainerphilosophie, durch Spieler, die in diesem System sozialisiert worden waren, und durch einen Klub, der wusste, wer er ist.
Dass Brighton seitdem zu einem der klügsten Transferklubs Europas geworden ist, liegt nicht nur am Scouting. Es liegt daran, dass der Klub eine Arbeitsweise hat, in die Spieler hineinkommen und die sie entweder annehmen oder nicht. Wer sie annimmt, entwickelt sich. Wer nicht, wird verkauft, meist mit Gewinn.
Warum Mentalität sich nicht transferieren lässt
Es gibt eine einfache Erklärung dafür, warum Mentalität nicht handelbar ist: Sie ist kollektiv. Ein einzelner Spieler mit außergewöhnlicher Mentalität kann eine Kabine heben, aber er kann sie nicht alleine tragen. Mentalität entsteht, wenn eine Gruppe von Spielern dieselben Standards verinnerlicht hat. Und das passiert nicht im Sommer, wenn neue Gesichter ankommen. Das passiert in der Vorbereitung, in den ersten schwierigen Spielen der Saison, in den Momenten, in denen ein Ergebnis kippen könnte und die Mannschaft entscheidet, ob sie kämpft oder nachgibt.
De Zerbi weiß, dass er das nicht kaufen kann. Er muss es bauen. Das ist der Kern seiner Aussage, und es ist auch die ehrlichste Einschätzung dessen, was ihn bei Tottenham erwartet.
Was das für die Saison bedeutet
Kein Trainer, der so direkt über Mentalität spricht, erwartet einen sofortigen Titelkampf. De Zerbi setzt Erwartungen: nicht nach unten, aber realistisch. Er sagt, dass Geld allein keinen Charakter kauft, und er sagt es in einem Moment, in dem Tottenham gerade viel Geld ausgegeben hat. Das ist kein Widerspruch. Es ist eine Warnung, dass die Transfers notwendig, aber nicht hinreichend sind.
Die Spieler sind da. Die Mentalität muss noch kommen.
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