
Piero Hincapie im Einsatz für Ecuador bei der WM 2026.
Die Mund-zu-Regel der WM 2026: Was sie wirklich besagt
Zwei Platzverweise, ein Freispruch, unzählige falsche Erklärungen — die sogenannte Vinicius-Regel der WM 2026 ist schmaler, als die meisten Berichte glauben machen.
Am 28. April 2026 stimmte das IFAB in Vancouver einstimmig einer neuen Regelergänzung zu, auf Antrag der FIFA. Der Wortlaut: Nach Ermessen des Wettbewerbsveranstalters kann ein Spieler, der in einer Konfrontationssituation mit einem Gegner den Mund bedeckt, mit einer Roten Karte bestraft werden.
Drei Einschränkungen stecken in diesem Satz — und alle drei werden in der Berichterstattung regelmäßig weggelassen. Erstens gilt die Regel nur, wenn der Wettbewerbsveranstalter sie aktiviert. Sie ist kein universelles Fußballgesetz. Zweitens greift sie ausschließlich in einer Konfrontationssituation mit einem Gegner. Den Mund zu bedecken ist für sich genommen kein Vergehen. Drittens heißt es kann — nicht muss.
Ein weit verbreitetes Erklärstück behauptet, Spieler würden automatisch vom Platz gestellt, wenn sie beim Sprechen mit Gegnern oder Schiedsrichtern den Mund bedecken. Dieser Satz ist gleich zweimal falsch: kein Automatismus, und der Regeltext nennt keinen Schiedsrichter.
Den Hintergrund liefert ein Champions-League-Spiel zwischen Benfica und Real Madrid im Februar 2026. Benficas Gianluca Prestianni bedeckte beim Sprechen mit Vinicius Junior den Mund. Was er sagte, ließ sich weder per Kamera noch per Lippenlesen feststellen. Die UEFA sperrte Prestianni anschließend für sechs Spiele. Manche Medien nennen die neue Regel seitdem Vinicius-Gesetz, andere Prestianni-Regel.
Zur WM 2026 hat die FIFA die Regel aktiviert. Zwei Spieler wurden bislang des Feldes verwiesen.
Am 20. Juni 2026 traf es Miguel Almiron. Schiedsrichter Ivan Barton schickte den Paraguayer in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit des Gruppenspiels gegen die Türkei vom Platz — als ersten Spieler überhaupt unter dieser Regel.
Am 30. Juni 2026 folgte Piero Hincapie. Ecuador spielte im Achtelfinale gegen Mexiko im Estadio Azteca in Mexiko-Stadt. Schiedsrichter Slavko Vincic sah Hincapie nach einem Wortgefecht mit Santiago Gimenez in der Nachspielzeit Rot. Mexiko hatte das Spiel zu diesem Zeitpunkt bereits 2:0 gewonnen — Tore von Julian Quinones und Raul Jimenez — und zog ins Sechzehntelfinale ein. Der Anpfiff hatte sich wegen eines Unwetters um rund eine Stunde verzögert, weshalb einige Medien das Spiel auf den 1. Juli datierten; die FIFA und ESPN führen es unter dem 30. Juni.
Das klarste Beispiel dafür, dass die Regel kein Automatismus ist, lieferte Jude Bellingham am 23. Juni 2026. Im torlosen Gruppenspiel zwischen England und Ghana in Boston wurde er gefilmt, wie er beim Sprechen mit Ghanas Kapitän Jordan Ayew den Mund bedeckte. Keine Sanktion. FIFA-Schiedsrichterchef Pierluigi Collina erklärte: «Players can continue to cover their mouth with an arm and the shirt because they may chat with friends.» (Spieler dürfen den Mund weiterhin mit Arm oder Trikot bedecken, wenn sie mit Freunden reden.) Die Situation galt nicht als Konfrontation — die Regel griff deshalb nicht. Gleiche Geste, anderer Kontext, anderes Ergebnis: Die Regel funktioniert genau so, wie sie geschrieben steht.
Quellen6 Quellen
ESPN, Goal, Bolavip, Al Jazeera, Wikipedia — 2026 FIFA World Cup officiating controversies, Bryan Berlination (Wikimedia Commons)
- [1] https://www.espn.com/soccer/story/_/id/48619835/red-cards-cover-mouth-players-2026-world-cup-vinicius-junior
- [2] https://www.goal.com/en/lists/jude-bellingham-red-card-covering-mouth-jordan-ayew-england-world-cup-draw-ghana/blt08ffd852479b38ea
- [3] https://bolavip.com/en/world-cup/why-did-piero-hincapie-get-a-red-card-in-ecuador-vs-mexico-at-the-2026-world-cup
- [4] https://www.aljazeera.com/sports/2026/7/13/fifa-world-cup-five-biggest-controversies-of-the-2026-tournament
- [5] https://en.wikipedia.org/wiki/2026_FIFA_World_Cup_officiating_controversies
- [6] CC BY-SA 4.0
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