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Ilunga wollte die Rote – und bekam sie nicht

Das Parkstadion in Gelsenkirchen heute: ein Flutlichtmast, überwucherte Ränge, blanker Sand dort, wo einst der Rasen lag.

Ilunga wollte die Rote – und bekam sie nicht

Seit fünfzig Jahren läuft derselbe Clip – und seit fünfzig Jahren wird er falsch erklärt. Mwepu Ilunga wusste genau, was er tat. Er wollte vom Platz. Er bekam es nicht.

By Lukas Bauer· Chefredakteur Fußball·Veröffentlicht ·2 MIN LESEZEIT

Gelsenkirchen, 1974. Brasilien hat einen Freistoß. Bevor der Ball getreten werden kann, bricht Mwepu Ilunga aus der Mauer, läuft auf den Ball zu und drescht ihn ins Nirgendwo. Der Schiedsrichter zeigt Gelb. Kein Rot.

Der Clip kursiert seitdem als Beweis dafür, dass ein Spieler die Regeln nicht kannte. So geht die Geschichte. Ilunga selbst hat sie anders erzählt.

Gegenüber L'Équipe sagte er: „Ich wollte die Rote Karte." Ilunga war kein Nachwuchsspieler auf verlorenem Posten – er war ein erfahrener Nationalspieler in einem Kader, der sich für eine Weltmeisterschaft qualifiziert hatte. Er kannte die Regeln. Er wollte raus.

Das Land, das er vertrat, hieß damals Zaire – heute Demokratische Republik Kongo. Und was in den Tagen vor dem Brasilien-Spiel passiert sein soll, beschrieb Ilunga so: Die Prämien, die den Spielern zustanden, seien nicht bei ihnen angekommen. Er machte Personen aus dem Umfeld der Regierung von Präsident Mobutu Sese Seko dafür verantwortlich. Das ist Ilungas Darstellung – keine unabhängig bestätigte Tatsache.

Zaire hatte das erste Gruppenspiel gegen Schottland 2:0 verloren. Ilunga sagte, die Mannschaft sei mit dieser Leistung zufrieden gewesen. Die Stimmung kippte erst, als die Spieler von den verschwundenen Geldern erfuhren.

Seine eigenen Worte, wie sie berichtet wurden: „Ich spiele nicht mehr. Warum sollte ich auf dem Platz bleiben und das Risiko eingehen, nicht nach Hause zurückzukehren, während die anderen – die Leute, die unser Geld genommen haben – uns friedlich von der Tribüne aus zuschauen?"

Ilunga beschrieb außerdem, dass Präsidentengarden zur Mannschaft geschickt worden seien. Diese hätten den Spielern mitgeteilt, dass sie nicht nach Hause zurückkehren dürften, falls sie das Spiel gegen Brasilien mit vier oder mehr Toren Unterschied verlieren würden. Auch das ist Ilungas Schilderung – von ihm berichtet, unter anderem bei ESPN – und muss als solche gelesen werden.

Die Aktion auf dem Platz war also kein Missverständnis. Es war ein Versuch, das Spiel zu verlassen – ein Protest gegen Zustände, über die die Spieler keine Kontrolle hatten. Der Schiedsrichter vereitelte ihn mit einer Gelben Karte.

Mwepu Ilunga wurde am 22. August 1949 geboren. Er starb am 8. Mai 2015. Er hat den Clip nie selbst korrigieren können – aber er hat es versucht. Wer ihn heute noch als Pointe erzählt, erzählt die falsche Geschichte.

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Seit fünfzig Jahren läuft derselbe Clip – und seit fünfzig Jahren wird er falsch erklärt. Mwepu Ilunga wusste genau, was er tat. Er wollte vom Platz. Er bekam es nicht.

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