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Rekord, Legende und was Ivanov wirklich tat

Das Frankenstadion in Nürnberg, aufgenommen 2012 – sechs Jahre nach dem Achtelfinale der WM 2006.

Rekord, Legende und was Ivanov wirklich tat

Portugal 1:0 Niederlande, 25. Juni 2006: Sechzehn Gelbe Karten, vier Rote – und der Schiedsrichter, den der FIFA-Präsident öffentlich angriff. Die Legende hat fast alles davon falsch.

By Lukas Bauer· Chefredakteur Fußball·Veröffentlicht ·2 MIN LESEZEIT

Frankenstadion Nürnberg, Achtelfinale der WM 2006. Portugal gegen die Niederlande. Maniche trifft in der 23. Minute – das einzige Tor. Was danach passiert, wird bis heute falsch erzählt.

Sechzehn Gelbe Karten, vier Rote: ein Rekord für ein von der FIFA ausgerichtetes Turnier in neunzig Minuten. Schiedsrichter Valentin Ivanov aus Russland zeigt sie alle. Die Erzählung, die sich festsetzt, lautet: Ein Referee verliert die Kontrolle über eine Prügelei und wirft Karten um sich.

Das Problem: Kein einziger Platzverweis war eine direkte Rote Karte. Costinha (Portugal, 45.+1), Khalid Boulahrouz (Niederlande, 63.), Deco (Portugal, 78.) und Giovanni van Bronckhorst (Niederlande, 90.+5) – alle vier fliegen nach ihrer zweiten Gelben. Kein Spieler wird wegen Gewalttätigkeit vom Platz gestellt.

Der einzige Moment, der nach Gewalt aussieht, bleibt unbestraft – zumindest mit Rot. Luis Figo köpft Mark van Bommel in einem Gerangel an der Seitenlinie, rund um die 60. Minute. Ivanov zeigt Gelb. Mehr nicht. Der Schiedsrichter, dem die Legende Kontrollverlust vorwirft, ist in Wahrheit unnachgiebig bei der Kartenakkumulation – und zurückhaltend bei dem einen Akt, der tatsächlich nach Gewalt aussieht. Die Legende hat es genau verkehrt.

Nach dem Spiel zeigen die Trainer in dieselbe Richtung – nur mit vertauschten Vorzeichen. Marco van Basten sagt: «I think it was very bad. It's a pity that the referee made a mess of this game» (»Ich finde, es war sehr schlecht. Es ist schade, dass der Schiedsrichter dieses Spiel ruiniert hat«). Und über Portugal: «If you speak of fair play, then look in the mirror first. Portugal are very experienced in dirty tactics and time-wasting.« Luiz Felipe Scolari dreht den Vorwurf um: «FIFA always talks about fair play but tonight we saw several gestures that were anything but.« Beide berufen sich auf Fair Play. Beide meinen die andere Seite.

FIFA entzieht Ivanov weitere Spiele bei diesem Turnier. Dann geht FIFA-Präsident Sepp Blatter einen Schritt weiter: Er kritisiert Ivanov öffentlich und sagt, der Schiedsrichter hätte sich selbst eine Gelbe Karte zeigen müssen. Blatter bereut die Aussage anschließend und verspricht eine offizielle Entschuldigung – ob sie erfolgt ist, bleibt offen.

Ivanovs Vater – ebenfalls Valentin Ivanov, ein bekannter sowjetischer Stürmer und WM-Teilnehmer 1958 und 1962 – verteidigt seinen Sohn öffentlich. Er argumentiert, die FIFA habe die Schiedsrichter vor dem Turnier selbst angewiesen, konsequent durchzugreifen. Der ältere Ivanov stirbt 2011; der Schiedsrichter ist sein Sohn.

Das Ende der Geschichte fehlt in fast jeder Nacherzählung: Ivanov, den die FIFA aus dem Turnier nimmt, leitet danach die Schiedsrichter- und Inspektionsabteilung des Russischen Fußballverbands. Anschließend wird er Leiter der Schiedsrichterabteilung des Fußballverbands von Katar.

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