Photo: James Boyes from UK via Wikimedia Commons (CC BY 2.0)
Treue in der Premier League: gibt's das noch?
Vereinstreue in der Premier League ist kein Wert mehr, den der Markt belohnt, sondern einer, den er aktiv bestraft. Wer bleibt, verzichtet auf Geld, Titel oder beides, und die Liga hat längst ein System gebaut, das genau das verhindern soll.
Der Markt will keine Treue
Die Premier League ist die reichste Liga der Welt, und genau das ist das Problem für alle, die sich Vereinstreue romantisch vorstellen. TV-Gelder, Investorenklubs und ein Transfermarkt, der jeden Sommer neue Rekorde jagt, sorgen dafür, dass ein Wechsel fast immer die rationale Entscheidung ist. Ein Spieler, der mit 24 bei seinem Ausbildungsklub bleibt, verzichtet in der Regel auf ein Gehalt, das anderswo deutlich höher liegt, und auf sportliche Perspektiven, die ein Champions-League-Klub bietet, ein Mittelfeldteam aber nicht.
Brighton hat das Prinzip perfektioniert
Kein Klub zeigt das system-hafte Ende der Treue besser als Brighton & Hove Albion. Jeden Sommer das gleiche Bild: Der beste Spieler geht, die Kurve trauert kurz, im Herbst steht ein neuer Name auf dem Trikot, der genauso gut ist. Moises Caicedo, Marc Cucurella, Ben White, und Brighton findet trotzdem jedes Jahr einen Ersatz, der ähnlich stark einschlägt. Brighton hat kein Loyalitätsproblem, Brighton hat ein Geschäftsmodell, das auf dem Gegenteil von Loyalität aufbaut. Der Klub verkauft konsequent zu Preisen weit über dem Marktwert und reinvestiert das Geld in den nächsten Spieler, der ihn wieder verlässt. Für die Spieler ist das kein Verrat, sondern der planmäßige nächste Schritt einer Karriere, die der Klub selbst so eingerichtet hat.
Wechsel innerhalb der Liga wiegen schwerer
Ein Spieler, der England Richtung Real Madrid oder Bayern verlässt, wird selten gehasst. Wer aber innerhalb der Premier League zum direkten Rivalen wechselt, riskiert etwas anderes: den Status als Verräter. Michael Owen hat das erlebt wie kaum ein anderer. Nach Real Madrid und einer Zwischenstation bei Newcastle United landete er am Ende bei Manchester United, ausgerechnet dem großen Rivalen seines Ex-Klubs Liverpool. Das hat ihn bei den Fans der Reds zu einer der ungeliebtesten Figuren der Liga-Geschichte gemacht, obwohl seine Zeit an der Anfield Road sportlich glänzend war. Das zeigt, wie selektiv Vereinstreue verstanden wird: Nicht das Gehen an sich ist das Vergehen, sondern das Gehen zum falschen Klub.
Die seltenen Ausnahmen
Genau deshalb fallen die wenigen verbliebenen Fälle echter Treue so stark auf. Alan Shearer, bis heute Rekordtorschütze der Premier League, entschied sich in seiner Karriere bewusst für Newcastle United statt für einen der ganz großen Titelanwärter und blieb dem Klub trotz internationaler Angebote treu. Mohamed Salah hat die Premier League über mehrere Spielzeiten hinweg von der Anfield Road aus dominiert und ist damit für einen Topspieler seiner Klasse ungewöhnlich lange bei einem Verein geblieben, statt nach zwei, drei starken Saisons weiterzuziehen. Beide Fälle sind Ausnahmen, keine Trends, aber sie zeigen, dass Treue in der Premier League nicht unmöglich ist, sondern nur teuer für den, der sie lebt.
Warum das so bleiben wird
Solange die Liga finanziell so ungleich verteilt ist wie jetzt und solange Klubs wie Brighton mit dem Verkaufsmodell mehr Erfolg haben als mit dem Festhalten an Stars, wird sich daran nichts ändern. Vereinstreue existiert in der Premier League noch, aber nur noch als Ausnahmefall, nicht als System. Die Liga hat sich für Mobilität entschieden, und die Spieler folgen einfach der Logik, die ihnen die Klubs selbst vorgeben.
Wird die Premier League je wieder Spieler belohnen, die ihrem Klub treu bleiben?
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